Technische Ausrüstung von Rügen Radio

Die Bereitstellung von Techniken für dieKüstenfunkstelle Rügen Radio war (mit Ausnahme von Allwellenempfängern) in der DDR ähnlich unzureichend wie auf den vielen anderen Gebieten, über das jetzt berichtet wird. Vielleicht waren die Verhältnisse für Rügen Radio sogar noch etwas ungünstiger.

Was die Dienststelle bekam oder hätte bekommen müssen, kam aus dem Topf des Funkwesens, aus dem auch der Neuaufbau oder die Modernisierung von Rundfunk- und Fernsehsendern und - Studios kam. Rundfunk und Fernsehen waren aber als Massenmedien Hauptträger von Agitation und Propaganda und hatten deshalb hohen Vorrang. Der Seefunkdienst war dementsprechend nur die seeseitige Verlängerung des Landes- Fernsprech- und Fernschreibnetzes.

Angesichts des ohnehin nie recht vollen Topfes des Funkwesens und bei der o.g. Prioritätenlage ging es bei Rügen Radio stets sehr knapp zu. Das betraf sowohl die Beschaffung von Geräten für den Seefunkdienst, noch mehr aber die Bereitstellung von Entwicklungs- und Produktionskapazitäten für küstenfunkspezifische Geräte, die die Industrie nicht anbot. An Import aus dem westlichen Wirtschaftsbebiet war ohnehin nicht zu denken.

Da andererseits die Aufgaben wichtiger waren als bei anderen Küstenfunkstelle, nämlich, die Flotte allein zu versorgen, wurden die Kräfte in der Regel gezwungen, viele selbst zu entwickeln und zu bauen. Oft gelang es mit viel Mühe, die Hauptgeräte (z.B. Sender und Empfänger) von der Industrie zu beschaffen und dann über z.T. sagenhaft viele Jahre zu nutzen. Die ergänzende und verbindende Technik, die aus dem Ganzen dann eine funktionierende Küstenfunkstelle machte, und manche Baugruppe, die ein uraltes, aber nicht ersetzbares Gerät moderner Anforderungen standhalten lässt, musste meist aus eigener Kraft bereitgestellt werden.

Folgende Hauptgeräte waren bei Rügen Radio im Einsatz:

Empfänger für Mittelwelle bis Kurzwelle:

Aus den Typenreihen EKD100, EKD300 und EKD500 des Funkwerkes Köpenick.

Das war, wie oben angedeutet, die Ausnahme. Bei Allwellenempfängern gab es seit vielen Jahren weder Beschaffungs- noch Qualitätsproblem, d.h. diese Empfänger konnte alles, was eine Küstenfunkstelle brauchte, und Rügen Radio hatte viele davon bekommen.

Empfangsantennen für Mittelwelle bis Kurzwelle:

Für Mittelwelle und Grenzwelle wurden einfache senkrechte Drahtantennen eingesetzt. Das reichte zur Abdeckung des Versorgungsbebietes aus.

Auf Kurzwelle diente zum Rundempfang eine spezielle angepasste Stabantenne aus der Produktion des Funkwerkds Köpenick. Nach der Verbindungsaufnahme über die Stabantenne wurde zur Verbesserung der Verbindung jeweils eine von acht V-Antennen als Richtantenne eingesetzt. Jede V-Antenne deckte einen Öffnungswinkel von ca. 45 Grad ab, und die Antennen waren in an einem Mast so angebracht, dass damit insgesamt (8 mal 45 Grad) alle Richtungen erfasst wurden.

Dieses V-Antennensystem war eine der Lösungen, die (in diesem Fall mit beratender Unterstützung durch Antennen-Wissenschaftler des ehemaligen Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamtes) selbst konzipiert und aufgebaut wurden.

Sender für Mittelwelle bis Kurzwelle:

Es wurde mit Sendeleistungen von 10 bis 20 KW gearbeitet.

Das Lebensalter der Sender reicht von 1953 über Siemens-Geräte von 1956/57 bis zum KN20E04 aus dem Funkwerk Köpenick von 1982. Nur wenige Sender waren von der Empfangsfunkstelle aus fernbedienbar.

Sendeantennen für Mittelwelle bis Kurzwelle:

Auf Mittelwelle wurde mit T-Antennen, auf Grenzwelle mit vertikalen Zylinderreusen an 50 m hohen Gittermasten gearbeitet. Auf KW standen Doppelkegelreusen für die Rundumabstrahlung und einige Dipolantennen für die gerichtete Abstrahlung zur Verfügung. Drehbare Antennen, wie sie z.B. Norddeich Radio hatte, waren nicht beschaffbar, da sie nur im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet produziert wurden, Devisen aber nicht zur Verfügung standen.

Die Dipolantennen waren ur für wenige ausgewählte Richtungen (angenommene Hauptfahrgebiete der DDR-Flotte) vorhanden. Dieses Konzept bewährte sich nicht, weil eine Küstenfunkstelle in allen Richtungen annähernd gleichermaßen arbeitsfähig sein musste. Andererseits sind die Doppelkegelreusen für Fernverbindungen nur eingeschränkt brauchbar, weil sie relativ steil zum Zenit abstrahlen, für Fernverbindungen aber eine möglichst flache Abstrahlung erforderlich ist, um den Empfänger in wenigen Sprüngen zwischen Ionosphäre und Erde zu erreichen. Deshalb wurde 1966/67 die Dipolantenne abgebaut und auf deren Tragwerken Groundplane-Antennen, wie sie vom Amateurfunk her bekannt waren, in einer für 20 KW Sendeleistung modifizierten Form aufgebaut.Die Ground-Planes strahlen zwar rundum, aber wesentlich flacher als die Doppelkegelreusen.

Auch dieses Vorhaben wurde gemeinsam mit den o.g. Antennen-Wissenschaftlern konzipiert und durch eingene Kräfte aufgebaut. Die KW-Verbindungen konnten damit deutlich verbessert werden.